Antifaschistische Gedenkarbeit


10 Jahre Gedenken an Günter Schwannecke – ein Rückblick

Am 5. September 1992 verstarb Günter Schwannecke an den Folgen des Angriffs durch Norman Z. Daraufhin folgte ein Gerichtsverfahren, in dem Schwannecke erneut zum Opfer gemacht und auf seine Wohnungslosigkeit reduziert wurde.

Die Arbeit der Gedenkinitiative begann vor zehn Jahren. Nach der Selbstenttarnung der Neonazi-Terrorgruppe NSU – Nationalsozialistischer Untergrund wurden Todesopfer rechter Gewalt zum Thema. Wir stellten damals fest, dass eines der Todesopfer in Berlin-Charlottenburg ermordet worden war. Anlässlich des 20. Todestages wollten wir ein Gedenken veranstalten. Die erste Recherche ergab, dass der Tatort der Spielplatz in der Pestalozzistraße war. Das Opfer war ein nahezu geschichtsloser Mann: der wohnungslose Günter Schwannecke. Als wir zur ersten Gedenkkundgebung einluden, meldete sich ein früherer Wegbegleiter. Er berichtete uns über Günter Schwanneckes Leben. Und wir begannen seine Biografie zu rekonstruieren: es war ein reiches und abwechslungsreiches Leben – voller Wünsche, Möglichkeiten, biografischer Brüche und Hoffnungen. Bei der Gedenkarbeit war uns immer wichtig, den Menschen Günter Schwannecke in den Vordergrund zu stellen – sodass keine erneute Viktimisierung (das Zum-Opfer-Machen) entsteht, sodass seine Lebensgeschichte und seine Ideen und Gedanken präsent werden. Darum war es uns immer wichtig neben der Forderung, dass dieser Mord als politischer Mord angesehen wird, auch den Menschen Schwanneckes nicht zum Todesopfer zu reduzieren.

Frühe Forderungen waren ein Gedenkstein und die Benennung des Spielplatzes – übrigens der einzige Spielplatz in Berlin mit Namensgeber. Das Bezirksamt griff die Vorschläge zügig auf. Bereits 2013 konnte der Gedenkstein eingeweiht werden. Das bleibt im Stadtbild. Der Spielplatz ist ein Ort, wo Kinder spielen, Jugendliche bolzen und Tischtennis spielen. Gleichzeitig ist er nun ein Ort der Erinnerung und wir geben dem Todesopfer Günter Schwannecke ein Gesicht. Ein Künstler, einer der Nicht-Konformen, jemand, der den Mund aufmacht, wenn Rassismus verlautbar wird. Seine Zivilcourage und seine Haltung sind Vorbild, das ist ein Grund, warum die Gedenkinitiative Jahr um Jahr beharrlich weiterarbeitet. .

Gleichzeitig schufen wir einen Ort für Angehörige. In der vergangenen Dekade des Gedenkens nahmen immer wieder Freund*innen Günter Schwanneckes am Gedenken teil: Künstler, Wegbegleiter*innen aus verschiedenen Städten. Zu ihnen haben wir Kontakt gesucht, zu den Angehörigen und Freund*innen, Wegbegleiter*innen und Bekannten Schwanneckes. Nicht alle haben wir erreicht, aber manche haben uns viel erzählen können. Ohne sie wäre unsere Erinnerungsarbeit nicht möglich. So veränderte sich die Wahrnehmung: Schwannecke zu Beginn unserer Arbeit: eine Person, die uns unbekannt war – wurde mehr und mehr zu einer Persönlichkeit. Er der Künstler, der Unangepasste, der Ehemann und Freund. Im Jahr 2012, als Schwannecke schon 20 Jahre tot war, gelangten wir über einen ehemaligen Wegbegleiter (dokumentiert auf unserem log) an Gemälde und Zeichnungen Schwanneckes, durch andere an Fotos. Die Sichtbarkeit seiner Person wurde und war immer zum Fokus unserer Arbeit.

Unser Ziel, dem Todesopfer rechter Gewalt, Günter Schwannecke, ein Gesicht zu geben, haben wir zum Teil erreicht, aber es kann aus unserer Position heraus nie genug sein. Selbst jetzt, wo einige Ziele erreicht wurden, würden wir gern noch weitere Erinnerungen von Weggefährt*innen hören, um noch mehr zu erfahren. Schwannecke war ein Künstler, einer der nicht-konformen, jemand der den Mund aufmacht, wenn Rassismus verlautbar wird.

Günter Schwannecke in Braunschweig, 1979, Quelle: Archiv/privat

Das Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt hat sich in den Jahren seit Gründung der Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative verändert. Im Jahr 2022 jährten sich viele Todestage und extrem rechte Gewaltereignisse der sogenannten Baseballschlägerjahre. 30 Jahre nach diesen rassistischen und extrem rechten Anschlägen und Übergriffen wird über das Gedenken selbst viel diskutiert und gesprochen. Mittlerweile ist es auch üblich, die Betroffenen sprechen zu lassen, den Todesopfern den größtmöglichen Raum zu geben, die eigenen Forderungen kritisch zu hinterfragen. Die Bedeutung und das Gehör der Betroffenenperspektive erkämpften sich die Familien, Freund*innen und Angehörigen von Opfern rassistischer Gewalt selbst. Es findet heutzutage Widerhall.

Die Gedenkinitiative erlebte dies auch als Spannungsfeld: Die öffentliche Erinnerungsarbeit der Gedenkinitiative stand dem bisher stillen Gedenken der Angehörigen und Freund*innen gegenüber. Die von ihnen an uns gerichteten Wünsche und Erwartungen passten nicht immer zu unseren Möglichkeiten. Zugleich versuchten wir auch aktuelle politische Bezüge herzustellen, zum Beispiel zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes und der Wohnungslosigkeit in Berlin im Hier und Jetzt, was die Gefahr barg die Erinnerung an Günter Schwannecke zu instrumentalisieren.

Gedenken, das kann sehr leicht instrumentalisiert und vereinnahmt werden – jede politische Forderung sollte zuallererst das Todesopfer und die Betroffenen rechter Gewalt in Betracht ziehen. Gedenken, das hat ein selbstreflexives Moment. Kritisches und somit selbstkritisches Gedenken kann keine Selbstvergewisserung, keine Vereinnahmung und auch kein Selbstzweck sein. Kritisches Gedenken steht immer im Kontext mit den Betroffenen und Todesopfern rechter Gewalt und den Zuständen, die diese Gewalt ermöglicht haben.

Als Gedenkinitiative fragen wir uns oft: Warum machen wir das? Was motiviert uns? Was bedeutet Gedenken zu erkämpfen? Wir haben für die Erinnerung an Günter Schwannecke gestritten, der sich öffentlich niemand angenommen hatte bis ins Jahr 2012. Weil wir den Impuls verspürten nachzuforschen. Weil wir diesem Mord, dem Rassismus und dem Sozialdarwinismus der Täter widersprechen wollten. Das ist antifaschistische Gedenkarbeit: Den Neonazis die Schwannecke, den wohnungslosen Mann, ermordet hatten, wollten wir nicht das letzte Wort über die Erinnerung an ihn lassen. Weil wir uns solidarisieren wollen mit den Betroffenen rassistischer und sozialdarwinistischer Gewalt. Weil unsere Kritik an den Verhältnissen, an dem gesamtgesellschaftlichen Wegschauen und Flankieren von neonazistischer Gewalt in Wut überschlägt angesichts der Todesopfer rechter Gewalt, die Jahr um Jahr mehr werden. Weil unsere Kritik an der wiederholten Viktimisierung Schwanneckes sich Gehör verschaffen sollte. Der Ungeheuerlichkeit, Unnötigkeit und Unannehmlichkeit des Todes Schwanneckes wollten wir etwas entgegensetzen. Wir erhielten auch eine Chance: nämlich den Menschen Günter Schwannecke und seine Lebensgeschichte in den Vordergrund zu stellen. Einen Teil von Schwannecke der Nachwelt begreiflich machen, das wollen wir und wir hoffen: Günter Schwannecke ist niemals vergessen.

Dieser Text zur Reflektion von 10 Jahren Gedenkarbeit erschien zuerst in einer Broschüre, welche vom Redaktionskollektiv „Niemand ist Vergessen“ anlässlich des 30. Todestages im Jahre 2022 initiiert und herausgegeben wurde. Wir beteiligten uns mit diesem Text und steuerten die Biographie Günter Schwanneckes bei.